Algarve-„Notlandung“: Solche Artikel stinken!

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Solche Medienberichte stinken gewaltig zum Himmel: Artikel über einen kuriosen Vorfall auf einem Flug von den Kanarischen Inseln in die Niederlande mit außerplanmäßiger Zwischenlandung (“Notlandung”) auf dem Algarve-Flughafen Faro laufen bestimmten Redaktionen, vor allem von Boulevard-Medien, aus dem Ruder – auf der ganzen Welt. Zu fragen ist, ob journalistische Sorgfaltspflicht in diesen Fällen nicht unter die Räder (des Fahrwerks) geraten ist…

Am weitesten lehnen sich die Schweizerische Zeitung Blick und das österreichische Blatt Krone aus dem (Kabinen-)Fenster: Für sie war es ein „stinkender Russe”, wegen dessen strengen Körpergeruchs das Flugzeug eines niederländischen Billigfliegers an der Algarve „notlanden“ musste. Welche Rolle die Nationalität des Passagiers für den gesamten Vorfall spielen soll und woher die Informationen für ihre Artikel stammen, lassen Blick und Krone völlig offen. Andere Medien nennen die Herkunft des Fluggastes nicht. Die Boulevardzeitung Blick veröffentlicht sogar ein Foto, das vom Kurznachrichtendienst Twitter stammen soll und – seitlich fotografiert – angeblich den übel riechenden Mann (mit verpixeltem Gesicht) in Großaufnahme auf dem übernächsten Kabinensitz zeigt.

 

Artikel hätten korrekt von außerplanmäßiger Landung zu sprechen

 

„Außerplanmäßig“ dürfte die luftfahrttechnisch korrekte Bezeichnung für das sein, was am Dienstag tatsächlich passiert ist – und nicht “Notlandung”. Denn ob eine tatsächliche Notlage bestanden hat, die nicht auf anderem Weg zu lösen war, das steht im Ermessen des Flugkapitäns und auf einem ganz anderen Blatt. Und kann von Medien aus der Ferne nicht beurteilt werden. Gleichwohl: Einhellig machen die meisten Medien – sogar in der ganzen Welt – auf alarmistisch und schreiben in dem jeweiligen Artikel von einer Notlandung.

Interessant auch: Die meisten Überschriften der Artikel nennen den Namen der betroffenen niederländischen Fluggesellschaft „Transavia“. Dahinter könnte sogar Absicht stecken, denn einige Medien erinnern gleichzeitig an angeblich ähnliche „Notlandungen“ von Maschinen dieser Billigairline in diesem Jahr. Im Februar sollen dauerhafte Blähungen eines Passagiers den Piloten einer Maschine auf dem Weg von Dubai nach Amsterdam zu einer außerplanmäßigen Landung in Wien veranlasst haben. Ebenfalls in der österreichischen Hauptstadt soll ein Transavia-Jet am 13. Mai außerplanmäßig gelandet sein – wegen „merkwürdiger Gerüche“ in der Kabine. Das riecht doch ganz so, als solle der Gesellschaft bewusst ein Schmuddel-Image angehängt werden…

 

Artikel über Transavia-Landung in Faro an der Algarve wegen stinkenden Passagiers
Entfernt: Eine Transavia-Besatzung ließ nach außerplanmäßiger Landung in Faro einen Passagier von Bord bringen, dessen Körperausdünstungen zu Beschwerden geführt hatten. Foto: Hans-Joachim Allgaier

 

Artikel über Faro-Notlandung sind aus mehreren Gründen unzuverlässig

 

Verlassen auf den Wahrheitsgehalt können sich die Leser solcher Artikel auch aus einem anderen Grund nicht. Während die meisten davon berichten, dass der stark ausdünstende Passagier „mehrere“ Mitreisende in der Kabine zum Erbrechen veranlasst habe, schreiben andere sogar von Fällen von „Ohmacht“. Immer wird jedoch im Unklaren gelassen, wie groß genau die Zahl der Betroffenen war, die so reagierten.

Artikel über Transavia-Notlandung in Faro an der Algarve heften Billigflieger Schmuddel-Image an
Transavia – nicht der einzige Billigflieger, der Touristen an die Algarve und zu anderen Ferienzielen bringt. Foto: Hans-Joachim Allgaier

Selbst bei der Angabe der Flugrichtung können sich einige Medien nicht auf korrekte Aussagen einigen. Während in manchem Artikel, zum Beispiel von britischen Medien, der betroffene Flug von Las Palmas auf Gran Canaria nach Amsterdam-Schiphol ging, fand in anderen die angebliche Notlandung auf der umgekehrten Flugverbindung statt. Zum Glück wird in einigen Artikeln die Flugnummer HV 5666 genannt. Und die gehört eindeutig zu einem Flug von den Kanaren nach Holland.

Wohl am heftigsten gehen Medien in den Niederlanden und Belgien vor, also aus dem Heimatmarkt von Transavia. Der holländische „Telegraaf“ veröffentlicht in dem betreffenden Artikel auf seiner Webseite sogar zwei Fotos, die auf dem Flughafen Faro an der Algarve in dem Moment geschossen worden sein sollen, in dem der betreffende “stinkende” Passagier auf dem Vorfeld aus dem Flugzeug geleitet wird. Der Telegraaf stützt sich, wie andere Medien, in seiner Berichterstattung lediglich auf einen einzigen belgischen Fluggast; übrigens genau den, der auch in einem Artikel des belgischen News-Portals VRT zitiert wird. Keine Aussage von anderen Passagieren wird erwähnt, nur eine schmallippige Bestätigung eines Sprechers von Transavia, wonach es „medizinische Gründe“ für die nicht geplante Zwischenlandung gegeben habe.

Gutgläubig übernehmen die meisten internationalen Medien die Aussagen aus der einzigen Quelle (des belgischen Fluggastes) und schmücken sie bei der Wiedergabe nach Belieben aus: Von “Horror” ist die Rede. Und von einer “menschlichen Stinkbombe”.

Die Redaktion “Algarve für Entdecker” hat am Samstagvormittag den Sprecher der ANA-Flughäfen in Portugal um Informationen über den Vorfall gebeten. Unter anderem wollten wir wissen, ob er eine medizinische Behandlung des in Faro von Bord des Transavia-Flugzeugs geleiteten Mannes bestätigen und etwas zum anschließenden Verbleib des Fluggastes sagen könne. Eine Antwort steht noch aus.

Fazit: Bislang Mutmaßungen über Mutmaßungen, aber kaum Gesichertes. Solcherlei Artikel müssen dem Leser übel aufstoßen.

Hans-Joachim Allgaier

Deutscher Journalist mit Know-how in Public Relations/Marketing/Corporate Communications - Portugal-/Algarve-/Alentejo-Liebhaber

2 Gedanken zu „Algarve-„Notlandung“: Solche Artikel stinken!

  • 3. Juni 2018 um 10:15
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    Ich nehme den Artikel nun endgültig zum Anlass, diesen Blog aus meinem Reader zu entfernen.

    Es ist einfach zum fremdschämen, wie die Verfasser hier unter dem Vorwand der Empörung auf jedes Rauschen im Algarve-Artikel-Wald aufspringen wollen.

    Und das mit genau den gleichen stilistischen Mitteln, die sie selbst zu kritisieren vorgeben. Neulich Maddie, nun die “Geruchs-Notlandung”.

    Danke. Nein, mit mir nicht mehr. 😉

    Antwort
    • 3. Juni 2018 um 17:36
      Permalink

      Sehr geehrter Herr Teetzen,
      das ist bedauerlich, aber dann werden wir ohne Sie auskommen. Dass wir mit den gleichen stilistischen Mitteln arbeiten sollen, die wir zu kritisieren “vorgeben”, wie Sie schreiben, ist schlichtweg falsch. Wir analysieren kritisch, aber dramatisieren nicht. Wir halten nicht, wie die Medien im Fall McCann, das Interesse Monat für Monat künstlich hoch, sondern haben uns auf ein punktuelles Ereignis, den zehnten Jahrestag des Verschwindens der kleinen Maddie, beschränkt, um unsere Kritik anzubringen. Und auch in der Herangehensweise an den Fall des Passagiers, dessen Körperausdünstungen einen Piloten zur außerplanmäßigen Landung in Faro “gezwungen” haben sollen, beweisen wir, dass wir nicht ins gleiche Horn stoßen wie die von uns in beiden Fällen kritisierten Boulevard-Medien. Mit Ihren Unterstellungen liegen Sie neben der Wirklichkeit. Wenn es Kritisches zu aufmerksamkeitsheischender Berichterstattung mit Algarve-Bezug zu sagen gibt, werden wir das auch weiterhin zu den Zeitpunkten tun, zu denen die Themen aktuell sind.

      Antwort

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