Algarve-Liebe von Günter Grass erleben

Mach mit: Tei­le die­sen Bei­trag mit Freun­den!

Lite­ra­tur-Nobel­preis­trä­ger Gün­ter Grass (1927 bis 2015) war ein enger Freund der Algar­ve, besaß ein Haus im Raum Por­timão. Das dor­ti­ge städ­ti­sche Muse­um zeigt noch bis 4. März 2018 Aqua­rel­le, Radie­run­gen und Plas­ti­ken des Mul­ti­ta­lents unter den Lite­ra­ten. Wir waren dort und sagen Ihnen, ob Sie sich auf die Suche nach den Algar­ve-Spu­ren des berühm­ten deut­schen Schrift­stel­lers machen soll­ten.

Wer wis­sen will, wel­che Bezie­hun­gen Grass tat­säch­lich zu Por­tu­gal pfleg­te und wel­che Wer­ke hier, in der Abge­schie­den­heit und Ruhe der Atlan­tik­küs­te ent­stan­den oder beein­flusst wur­den, soll­te sich, wie ich es gemacht habe, beei­len. Denn die Aus­stel­lung, die Anfang Dezem­ber ihre Tore öff­ne­te, ist nur noch kur­ze Zeit zu sehen.

Schon im Foy­er des Muse­ums, direkt neben dem bun­ten Pfer­de­fuhr­werk (unser Bei­trags­bild), sto­ße ich auf den Autor, der am 16. Okto­ber 2017 sei­nen 90. Geburts­tag gefei­ert hät­te. Ein groß­for­ma­ti­ges Schwarz­weiß-Foto zeigt den Schnurr­bär­ti­gen auf einem geschwun­ge­nen Sofa sit­zend mit einem Radier­stift in der Hand, ein Bild neben sich. Signa­li­siert wird mir: Gün­ter Grass hat hier sei­ne Hand­schrift hin­ter­las­sen. Sei­ne Signa­tur mit dem kraft­voll geschwun­ge­nen Unter­stri­chen der bei­den Gs prangt neben dem Foto.

 

Ausstellung zu Algarve-Liebhaber Günter Grass in Portimao
Grass-Aus­stel­lung in Port­i­mao. Foto: Hans-Joa­chim All­gai­er

 

Begegnungen mit Günter Grass in Portimão

 

Günter Grass Ausstellung Encontros im Museum von Portimao an der Algarve
"Begeg­nun­gen": Aus­stel­lungs- und Lebens­mot­to für Gün­ter Grass. Foto: Hans-Joa­chim All­gai­er

Ich fra­ge am Emp­fang nach einer Bro­schü­re, nach einem klei­nen Kata­log zur Grass-Aus­stel­lung, erfah­re aber, dass es nichts der­glei­chen gibt. Nun gut, dann stei­ge ich eben unvor­be­rei­tet in die ers­te Eta­ge, den­ke ich. Dort emp­fängt mich ein rie­si­ges, rela­tiv grob­kör­ni­ges Farb­fo­to: Gün­ter Grass steht breit­bei­nig, mit Gum­mi­stie­feln an den Füßen, gebückt am Strand, und malt mit einem Stock etwas in den Sand. In der lin­ken Hand hat er ein Ziga­ril­lo. Die Sze­ne­rie beein­druckt mich. Das Gan­ze hat Atmo­sphä­re, fängt mich ein, ver­bin­det mich mit der Mee­res­küs­te, die nur ein paar hun­dert Meter von hier liegt.

„Encon­tros“, auf Deutsch: Begeg­nun­gen, steht auf einer Wand in der Tie­fe des groß­zü­gi­gen Rau­mes und dar­un­ter nur: Gün­ter Grass. Am meis­ten ste­chen mir die vie­len bun­ten Aqua­rel­le ins Auge. Ich suche nach Bezü­gen zur Algar­ve, nach Erläu­te­run­gen, die mir hel­fen, die Wer­ke und deren Bezug zum Wir­ken des Lite­ra­ten ein­zu­ord­nen.

Doch da fin­de ich rela­tiv wenig, ein­mal abge­se­hen von der Text­ta­fel direkt am Ein­gang, unter einem Foto, das den Autor neben sei­ner Frau Ute sit­zend vor einer Stein­wand zeigt. Ich ler­ne:

Günter und Ute Grass an der Algarve ist eine Ausstellung in Portimao gewidmet
Die­ses groß­for­ma­ti­ge Aus­stel­lungs-Bild zeigt das Ehe­paar Ute und Gün­ter Grass vor ihrem Haus an der Algar­ve. Repro: Hans-Joa­chim All­gai­er
  • Im Mai 1976 kam Grass zum ers­ten Mal nach Por­tu­gal. Es gab eine klei­ne Serie von Lesun­gen, die von klei­nen Aus­stel­lun­gen beglei­tet waren. Auf Ein­la­dung des Goe­the-Insti­tuts äußer­te sich Grass zum The­ma „Schrift­stel­ler und Demo­kra­tie“.
  • 1981 unter­nahm Grass ers­te pri­va­te Rei­sen nach Por­tu­gal. Die Algar­ve „begeis­ter­te“ ihn, heißt es lako­nisch im Text. Grün­de nennt er nicht. Das Ehe­paar erwarb ein Haus (wo, wird nicht gesagt), besaß es sie­ben Jah­re, ver­kauf­te es dann und bau­te 1989 neu.
  • Anfangs kam die Groß­fa­mi­lie, ein­schließ­lich Kin­dern und Enkeln, mehr­fach im Jahr nach Por­tu­gal. Spä­ter wur­den zwei Auf­ent­hal­te die Regel – meist im Februar/März und Oktober/November.
  • Wäh­rend die­ser Auf­ent­hal­te sei­en vie­le Zeich­nun­gen und Aqua­rel­le ent­stan­den, lese ich. Eine genaue Zahl wird nicht ver­ra­ten. „Immer wie­der“ habe Grass hier auch Ter­ra­kot­ten geformt.
  • In bei­den Häu­sern habe in Grass‘ Werk­statt ein Steh­pult gestan­den, vor dem der Schrift­stel­ler an Manu­skrip­ten arbei­te­te – mit der Hand oder einer mecha­ni­schen Schreib­ma­schi­ne. Lei­der kann ich weder Pult noch Schreib­ma­schi­ne erspä­hen, nicht ein­mal Bil­der davon.

Doch dann bekom­me ich erläu­tert, was ich dank der bil­den­den Kunst im Raum ohne­hin sehe: „Vie­len Zeich­nun­gen und Tex­ten ist abzu­le­sen, was Grass mit Por­tu­gal ver­band“. Fische, Strand, Küs­te, Vege­ta­ti­on, sei­ne Schu­he und Fund­sa­chen wur­den zu Moti­ven des Künst­lers.

Grass schrieb, formte, malte, zeichnete an der Algarve

 

Grass Ausstellung an der Algarve in Portimao mit Blechtrommel
Die Blech­trom­mel darf selbst­ver­ständ­lich auch in der Aus­stel­lung von Port­i­mao nicht feh­len. Foto: Hans-Joa­chim All­gai­er

Das ist dann aber auch fast schon alles, was mir die Aus­stel­lungs­ma­cher an Hil­fen bie­ten, um die Algar­ve-Lie­be von Gün­ter Grass nicht nur zu erken­nen, son­dern auch zu ver­ste­hen. An ande­rer Stel­le bekom­me ich unver­mit­telt ein Zitat aus dem berühm­ten Werk „Die Blech­trom­mel“ vor Augen gestellt:

„Das war nicht die sanf­te Ost­see, die mich fla­schen­grün

und mäd­chen­haft schluch­zend erwar­te­te. Da erprob­te der

Atlan­tik sein uraltes Manö­ver: stürm­te bei Flut vor, zog sich

bei Ebbe zurück.“

Wor­auf genau sich das Blech­trom­mel-Zitat bezieht, bleibt mir hier in der Aus­stel­lung lei­der ein Rät­sel. Das Schlag­in­stru­ment selbst ent­de­cke ich in einer von zwei Glas­vi­tri­nen, zusam­men mit der Pfei­fe und einer lee­ren Tabak­do­se („Dun­hill Ear­ly Morning Pipe) sowie Muscheln, Far­be, Pin­sel und Mal­stif­ten sowie der Skulp­tur „Mäd­chen mit Apfel“ aus dem Jahr 1950. Zwei wei­te­re Glas­vi­tri­nen zei­gen aller­hand Bücher des Nobel­preis­trä­gers von 1999, aber auch fünf klei­ne Pri­vat­pho­tos von Strand- und Haus-Sze­nen sowie eine Ter­ra­kot­ta-Krö­te. In der Mit­te des Aus­stel­lungs­rau­mes thront eine beein­dru­cken­de Skulp­tur des Künst­lers: eine Hand, die einen Fisch hält. Doch kein Wort ver­liert die Aus­stel­lung über Grass-Freund José Sarama­go, sei­nen por­tu­gie­si­schen Freund und Schrift­stel­ler­kol­le­gen, der ein Jahr vor ihm den Lite­ra­tur-Nobel­preis erhal­ten hat­te. Und ver­ständ­nis­vol­le Wor­te fand, als 2006 bekannt wur­de, dass Grass bis­lang über sei­ne Mit­glied­schaft als 17-jäh­ri­ger Jugend­li­cher in der Waf­fen-SS der Nazis geschwie­gen hat­te.

 

Aber, sie­he da, ein wenig Per­sön­li­ches, das mir den Algar­ve-Lieb­ha­ber Grass etwas näher bringt, ist doch noch zu ent­de­cken. Neben dem Bild, das meh­re­re Insek­ten von der Art Got­tes­an­be­te­rin zeigt, lese an einer Schrift­ta­fel zum „Vale das Eiras“ (das liegt, ohne aus­drück­lich erwähnt zu wer­den, in der Nähe von Mexil­hoei­ra Gran­de) mit Datum 8. Janu­ar 1990:

„Ges­tern habe ich aus vier Cho­cos Tin­ten­fi­schen mitt­le­rer Grö­ße eine bei­na­he gefüll­te Drei­vier­tel­li­ter­fla­sche ‚Sepia Natu­ral‘ gewon­nen und damit heu­te, nach einer vom Herbst des letz­ten Jah­res gut in Alko­hol kon­ser­vier­ten Vor­la­ge, einen ‚Tanz der Got­tes­an­be­te­rin­nen‘ gezeich­net.

Jung ist die Natur­tin­te unbe­re­chen­bar in ihrer Schwär­ze, spä­ter wird sie (manch­mal) schwarz­braun kon­sis­tent. Der Vor­gang des Tin­te­ge­win­nens – heu­te gab es die Cho­cos mit Gemü­se gekocht – ist eine Lust. (Zum ers­ten Mal habe ich die­se Tin­te Ender der sech­zi­ger Jah­re in der Bre­ta­gne benutzt, dann erst wie­der seit Mit­te der acht­zi­ger Jah­re, seit­dem ich in Por­tu­gal der Quel­le nahe bin.)“

 

Grass gewann Tinte aus Fischen

 

Grass Ausstellung an der Algarve ohne Foto vom Haus bei Portimao
Die­ses Foto, das die Zeit­schrift Publi­co einst ver­öf­fent­lich­te, soll das dama­li­ge Haus von Gün­ter Grass an der Algar­ve zei­gen. Foto: Nuno Jesus

Aha, Gün­ter Grass hat Tin­ten­fi­sche, wie sie auch hier gefan­gen wer­den, erst genutzt, um Far­be fürs Malen und Zeich­nen zu „mel­ken“, und sie dann genüss­lich ver­speist. Genau­so, wie er sich auch den Edel­fisch Butt ein­ver­leib­te, ja, ihn so gese­hen ver­in­ner­lich­te. Ein wei­te­res Text­zi­tat aus dem Grass-Werk „Der Butt“ spielt in der Aus­stel­lung dar­auf an.

Und noch ein Text­schnip­sel nimmt Bezug auf die Regi­on hier. In „Unter­wegs von Deutsch­land nach Deutsch­land“ heißt es in einem Ein­trag zum 8. Janu­ar 1991:

„Nach end­li­chem Schlaf (sechs bis sie­ben Stun­den) und bes­se­rem Wet­ter haben wir Pflan­zen gekauft, dar­un­ter einen lang auf­schie­ßen­den, sich weit ver­zwei­gen­den Kak­tus. Pflanz­te ihn zwi­schen drei Ros­ma­rin­setz­lin­ge“.

Kein Wort aber dar­über, dass Grass sein Haus in der Gegend zwi­schen Mexil­hoei­ra Gran­de und Mon­chi­que „Casa Ros­ma­no“ genannt hat­te – weil dort wil­der Ros­ma­rin wuchs.

Hin und wie­der tauch­te also die Algar­ve in den Bil­dern des viel­be­gab­ten Deut­schen auf. War­um sie das aber kaum in sei­nen Büchern tut – dar­über erfährt der Besu­cher der Aus­stel­lung in Por­timão lei­der nichts. Man muss schon man­che Nach­ru­fe nach­le­sen, um mehr über Grass‘ Zunei­gung zum Rand Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pas zu erfah­ren, wo er in der Hit­ze pro­blem­los über die ver­eis­te Ost­see schrei­ben konn­te. Und das Grass sei­ne Rede zur Annah­me des Lite­ra­tur-Nobel­prei­ses teil­wei­se in Por­tu­gal geschrie­ben hat, wie Clau­dia Hahn-Rabe berich­tet, die Lei­te­rin des Goe­the-Insti­tuts, bleibt mir als Aus­stel­lungs­be­su­cher eben­falls ver­bor­gen.

Die Kak­te­en in sei­nem kar­gen, tro­cke­nen por­tu­gie­si­schen Gar­ten habe er geliebt, weil sie Über­le­bens­künst­ler sind. Sein Gärt­ner Manu­el Mar­tins Bar­r­an­ha berich­te­te bei der Aus­stel­lungs­er­öff­nung, Grass habe gepfleg­te Rasen­flä­chen ver­ach­tet. Um sein Haus her­um habe es ein natür­li­ches Wäld­chen und viel Gestrüpp gege­ben. Der Haus­herr habe es geliebt, selbst die Ker­ne aus den Zap­fen der Pini­en zu holen.

 

Grass liebte regionale Naturprodukte

 

Grass Wanderschuhe als Aquarell in Ausstellung an der Algarve
Grass mal­te an der Algar­ve auch sei­ne Wan­der­schu­he. Foto: Hans-Joa­chim All­gai­er

Laut sei­nem Freund Damião Sequei­ra, einem ehe­ma­li­gen Deutsch­leh­rer aus Por­timão, ging Grass ger­ne auf den Bau­ern­markt, um regio­na­le Natur­pro­duk­te zu kau­fen. Selbst geba­cke­nes Brot war ihm eben­so eine Gau­men­freu­de wie Zie­gen­milch vom Nach­barn oder auf den Hügeln gesam­mel­te Pil­ze. Auch der hie­si­ge Wald­erd­beer-Schnaps Medron­ho habe ihm gemun­det.

Die Kork­ei­chen­wäl­der, aber auch den wei­ten Muschel­strand zwi­schen Alvor und Lagos habe er, der in sei­nen Tex­ten die Fische Geschich­ten erzäh­len ließ, gemocht. Das Gefühl, im wil­den Süd­wes­ten, am Ran­de Euro­pas, zu leben, ohne wirk­lich abge­schie­den zu sein, ver­schaff­te ihm offen­bar Wohl­ge­fühl, lese ich in Arti­keln.

Es wird berich­tet, dass Grass deut­sche Zei­tun­gen kauf­te, die hier erst einen Tag spä­ter anka­men, und über Kurz­wel­le Sen­dun­gen der Deut­schen Wel­le hör­te. Auch an den Berg­hän­gen von Mon­chi­que sei der Freund des por­tu­gie­si­schen Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­gers José Sarama­go ein Beob­ach­ter mit Wider­spruchs­geist gewe­sen, der sich ein­misch­te, gele­gent­lich sei­nem Zorn Luft ver­schaff­te. Grass bewun­der­te die so genann­te Nel­ken­re­vo­lu­ti­on nach dem 25. April 1974 in Por­tu­gal, den Weg der Por­tu­gie­sen in die Demo­kra­tie, hat­te vor allem die Algar­vi­os und ihre Land­schaft ins Herz geschlos­sen.

Grass zeich­ne­te den Butt, so lässt sich in einem Lite­ra­tur­ar­chiv nach­le­sen, lan­ge bevor er ihn zu Wort kom­men ließ, als Roman ver­ar­bei­te­te. Die Urfas­sung sei­ner „Unkenrufe“-Kapitel, die er in Por­tu­gal zu Papier zu brin­gen begann, schmück­te er mit dicken Krö­ten­tie­ren.

 

Grass und die Fische: Zeichnen, zu Wort kommen lassen, verspeisen

 

Grass Zeichnungen Radierungen Aquarelle in Ausstellung an der Algarve
Grass-Werk in der Aus­stel­lung in Port­i­mao an der Algar­ve. Foto: Hans-Joa­chim All­gai­er

Nach­dem der Meis­ter­li­te­rat den rosa­far­be­nen Barsch gezeich­net hat­te, rieb er ihn mit Salz ein, grill­te ihn berei­te­te ihn mit einer Soße aus Öl, Knob­lauch und klein geschnit­te­nen Sal­bei­blät­tern zu. Gemein­sam mit sei­ner Frau Ute ver­zehr­te er den Fisch im Frei­en und trank dazu Vin­ho Ver­de. Dann gab Grass der Geschich­te „Der Barsch“ noch einen Epi­log. Eine wei­te­re Zeich­nung zeigt das abge­nag­te Tier vor por­tu­gie­si­scher Land­schaft. Die Grä­ten star­ren den Betrach­ter wie tote Zwei­ge an.

Die fer­ne und fried­li­che Algar­ve – sie war für den berühm­ten Deut­schen genü­gend ein­sa­mer Rück­zugs­ort und Quel­le der Inspi­ra­ti­on, bot ihm aber auch den Raum für süßes und den­noch „kon­zen­trier­tes“ Nichts­tun abseits des beweg­ten Lebens in Deutsch­land. Hier konn­te er inten­siv an neu­en Tex­ten, Bil­dern oder Skulp­tu­ren arbei­ten oder ein­fach fau­len­zen und genie­ßen.

Sei­ne längs­te und sicht­bars­te Ver­bin­dung zur Algar­ve war das Kul­tur­zen­trum von São Lou­renço in Alman­cil. Mit­grün­der der seit 2012 geschlos­se­nen Insti­tu­ti­on waren Marie Huber und ihr Mann Vol­ker. Marie wohn­te der Aus­stel­lungs­er­öff­nung in Por­timão bei. Erstaun­lich fin­de ich, dass die Aus­stel­lung gar nicht dar­auf ein­geht, wo es doch dort, im Kul­tur­zen­trum São Lou­renço, vie­le Buch­vor­stel­lun­gen und Aus­stel­lun­gen gege­ben hat­te. Eben­so stau­ne ich dar­über, dass die Aus­stel­lung kein Wort dar­über ver­liert, dass Grass im Jahr 2010 die Schirm­herr­schaft über die ers­te Aus­ga­be des Inter­na­tio­na­len Lite­ra­tur­fes­ti­vals der Algar­ve in Lagos über­nahm.

 

Grass Ausstellung an der Algarve in Portimao mit Porträtfoto des Künstlers
So blickt auf einem Aus­stel­lungs­fo­to Gün­ter Grass auf die Besu­cher der Algar­ve-Aus­stel­lung. Foto: Hans-Joa­chim All­gai­er

Grass fragte nach Medronho

 

Als es sei­nem Lebens­en­de zuging, konn­te Grass aus gesund­heit­li­chen Grün­den nicht mehr an die gelieb­te Algar­ve flüch­ten. 2012 war er ein letz­tes Mal in Alman­cil. Sein Freund Damião Sequei­ra besuch­te den Rekon­va­les­zen­ten Ende März 2015 in Beh­len­burg.

Auf der Aus­stel­lungs­er­öff­nung in Por­timão berich­te­te Sequei­ra: „Als ich die Kli­nik ver­ließ, hät­te ich nie gedacht, ihn zwei Wochen spä­ter zu ver­lie­ren. Er frag­te mich sogar noch, ob ich Medron­ho mit­ge­bracht hät­te…!“

In sei­nem letz­ten Buch „Von­ne End­lich­kait“ fass­te Grass sei­ne Abschieds­ge­füh­le in die­se Wor­te:

„Ach, mein ver­lo­re­nes Por­tu­gal, wie fehlt mir

Dei­ne süd­west­li­che Küs­te.“

Algar­ve-Lieb­ha­ber Gün­ter Grass starb am 13. April 2015 in Lübeck.

 

Ausstellung zu Grass: mein persönliches Fazit

 

Mein per­sön­li­ches Fazit zur Aus­stel­lung „Encon­tros“: Es ist emp­feh­lens­wert, sie sich noch in Por­timão anzu­schau­en. Wer vie­le per­sön­li­che Ver­bin­dun­gen zwi­schen Grass und der Algar­ve ent­de­cken möch­te, wird aller­dings das Gefühl nicht los, dass dies alles etwas mensch­li­cher, far­bi­ger, authen­ti­scher hät­te prä­sen­tiert wer­den kön­nen. Muse­ums­di­dak­tik emp­fiehlt heut­zu­ta­ge ande­re, bes­se­re Ver­mitt­lungs­for­men, die inspi­rie­ren­der sind.

Das meis­te ist schlicht auf­ge­hängt und hin­ge­stellt, es feh­len erhel­len­de, prä­zi­se Erläu­te­run­gen, die Zusam­men­hän­ge her­stel­len. Vie­les bleibt im All­ge­mei­nen, Unschar­fen. Ver­mut­lich weil die Aus­stel­lung auch noch an ande­ren Orten gezeigt wer­den soll, ist der Algar­ve-Bezug wenig expli­zit, steht gene­rell eher der Por­tu­gal-Freund Grass im Vor­der­grund. Alles in allem jedoch lohnt sich ein Besuch – allein schon des­halb, weil der Besu­cher ein­drucks­voll die künst­le­ri­sche Viel­falt im Schaf­fen des Schrift­stel­lers Gün­ter Grass erlebt.

Die kos­ten­los zu besich­ti­gen­de Aus­stel­lung „Encon­tros“ ist ein Pro­jekt des Goe­the-Insti­tuts Por­tu­gal in Zusam­men­ar­beit mit der Gün­ter und Ute Grass-Stif­tung, dem Gün­ter Grass-Haus in Lübeck sowie dem Muse­um und der Stadt Por­timão. Sie wird unter­stützt von der Deut­schen Bot­schaft in Lis­sa­bon und der Bar­tho­lo­mä­us­brü­der­schaft der Deut­schen in Lis­sa­bon und Nie­po­ort.

Museu de Por­timão

Rua D. Car­los – Zona Ribeirin­ha

8500–607 Por­timão

Öff­nungs­zei­ten: Diens­tags 14:30 bis 18 Uhr, mitt­wochs bis sonn­tags: 10 bis 16:30 Uhr

Tele­fon: +351 282 405 230, E-Mail: museu@cm-portimao.pt  

www.museudeportimao.pt

Hans-Joachim Allgaier

Deutscher Journalist mit Know-how in Public Relations/Marketing/Corporate Communications - Portugal-/Algarve-/Alentejo-Liebhaber

4 Gedanken zu „Algarve-Liebe von Günter Grass erleben

  • 5. Januar 2019 um 18:14
    Permalink

    Grass hat anläss­lich einer Lesung im Cen­tro Cul­tu­ral von Lagoa ein­mal geäu­ßert, dass sein gelieb­tes ein­sam gele­ge­nes Haus im Bezirk Lagoa im Lau­fe der Zeit zuneh­mend von prot­zi­gen Neu­bau­ten ein­ge­kes­selt wur­de, sodass es irgend­wann mit der Ruhe und Ein­sam­keit vor­bei war. Dar­auf­hin habe er sich in die "Casa Ros­ma­no" zurück­ge­zo­gen, um in der para­die­si­schen Abge­schie­den­heit der Gegend nörd­lich von Mexil­hoei­ra Gran­de unbe­hel­ligt und in Frie­den leben und arbei­ten zu kön­nen, bis er eines Tages bemerk­te, dass er in unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft einer For­mel-1-Renn­stre­cke wohn­te. Es waren also nicht nur gesund­heit­li­che Grün­de, die ihn in den letz­ten Lebens­jah­ren von sei­nem gelieb­ten Por­tu­gal fern­hiel­ten, son­dern vor allem die Ent­täu­schung über die fort­schrei­ten­de Ein­be­to­nie­rung der Algar­ve-Küs­te und die Vul­ga­ri­sie­rung und Rem­mi­dem­mi­sie­rung der ört­li­chen Volks­be­lus­ti­gung.

    Antwort
  • Pingback:Museum Portimão: In Algarve-Geschichte eintauchen • Algarve für Entdecker

  • 10. Mai 2018 um 10:54
    Permalink

    als lübeck ken­ner und deutsch-nie­der­län­de­rin aus rot­ter­dam geb .in ben­rath mei­ne ich das der gra­fik desi­gner arne kai­ser aus lis­sa­bon (por­tu­ge­si­scher -deutscher)doch genannt wer­den dürf­te.
    p.j.m.winkelman

    Antwort
  • 25. Februar 2018 um 22:19
    Permalink

    Hal­lo,
    wir müs­sen fest­stel­len, daß Ihre Web­sei­te sehr gute Arti­kel und Infor­ma­tio­nen beinhal­tet.

    Bit­te wei­ter so.

    Herz­li­che Grü­ße
    Fam. Muel­ler

    Antwort

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *