Einrichtungshäuser in Portugals Süden: Turbulenzen um neue Filialen

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IKEA-Eröffnung in Loulé von zwei tödlichen Arbeitsunfällen überschattet

 

Die für den 30. März geplan­te Eröff­nung des IKEA-Ein­rich­tungs­hau­ses an der Algar­ve (wir berich­te­ten) ist von zwei töd­li­chen Arbeits­un­fäl­len über­schat­tet. Wie die vom schwe­di­schen Kon­zern beauf­trag­te PR-Agen­tur Atre­via am Mon­tag gegen­über dem Algar­ve-Ent­de­cker bestä­tig­te, geschah der ers­te Unfall bereits im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber 2016 auf der Bau­stel­le. Die Unter­su­chung des Fal­les lau­fe und IKEA arbei­te mit allen zustän­di­gen Behör­den bei der Ermitt­lung der Unfall­ur­sa­che zusam­men, hieß es. Ein­zel­hei­ten wur­den nicht genannt. Am ver­gan­ge­nen Frei­tag­mit­tag war eine 37-jäh­ri­ge Rei­ni­gungs­kraft einer Lie­fer­fir­ma auf dem Gelän­de des neu­en IKEA-Ein­rich­tungs­hau­ses getö­tet wor­den, als Holz­pa­let­ten auf sie stürz­ten und sie zer­quetsch­ten. Laut Medi­en, die sich auf Poli­zei­quel­len beru­fen, soll der Unfall wäh­rend einer Rau­cher­pau­se in einem Bereich pas­siert sein, wo Gabel­stap­ler Palet­ten abset­zen.

Die por­tu­gie­si­sche Arbeits­si­cher­heits­be­hör­de ACT bestä­tig­te dem Algar­ve-Ent­de­cker am Mon­tag, dass die im Sep­tem­ber gestar­te­ten Unfall-Ermitt­lun­gen bereits abge­schlos­sen und die übli­chen "ange­mes­se­nen Maß­nah­men" ergrif­fen wor­den sei­en. Der Fall wer­de nun vor Gericht ver­han­delt. Zu dem am Frei­tag gesche­he­nen Unfall beim Ein­rich­tungs­haus IKEA teil­te die Behör­de zunächst nur mit, dass er in einer Lade- und Ent­la­de-Zone des Kom­ple­xes pas­siert sei. Die "Auto­ridade para as Con­dições do Tra­bal­ho" unter­su­che die nähe­ren Umstän­de noch und kön­ne der­zeit nicht mehr sagen, hieß es in Lis­sa­bon.

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IKEA (hin­ten links) und das gigan­ti­sche Shop­ping­zen­trum in Loule. Foto: Hans-Joa­chim All­gai­er

In einer Erklä­rung des Ein­rich­tungs­hau­ses IKEA heißt es gleich zu Beginn: „Sicher­heit ist eins der wich­tigs­ten Anlie­gen bei uns und ein Gebot, das wir nicht ver­ges­sen“. In Lou­lé wie über­all auf der Welt hal­te der Bau von neu­en Filia­len die höchs­ten Sicher­heits­stan­dards sowie alle gesetz­lich fest­ge­leg­ten Ver­fah­ren und Bestim­mun­gen ein. „In Zei­ten wie die­ser sind alle unse­re Gedan­ken bei den Ange­hö­ri­gen und Bekann­ten der Opfer“, heißt es dann in der Stel­lung­nah­me wei­ter. Gleich­zei­tig unter­su­che IKEA die Fak­ten­la­ge und arbei­te selbst­ver­ständ­lich bei der Ana­ly­se aktiv mit den Behör­den zusam­men.

Vor vier Jah­ren, im Juni 2013, war es auf einer deut­schen IKEA-Bau­stel­le eben­falls zu einem Arbeits­un­fall gekom­men, der aber glimpf­lich aus­ging. Ein Bau­ar­bei­ter wur­de in einer Bau­gru­be in Ham­burg-Alto­na von einem Stahl­trä­ger erfasst und ver­letzt, konn­te aber noch am sel­ben Tag das Kran­ken­haus wie­der ver­las­sen.

Vor acht Jah­ren, im März 2009, berich­te­te die deut­sche Tages­zei­tung TAZ über eine Häu­fung von Arbeits­un­fäl­len bei einem tür­ki­schen IKEA-Zulie­fe­rer. Der Kon­zern ver­sprach damals beson­de­re Kon­trol­len und ver­wies dar­auf, dass die Zusam­men­ar­beit been­det wer­de, wenn Part­ner den „IKEA Way"-Kodex (IWAY) nicht ein­hiel­ten. Dar­in sei fest­ge­legt, wie Ange­stell­te behan­delt wer­den und unter wel­chen Bedin­gun­gen sie arbei­ten sol­len.

 

Designer Outlet Algarve verschiebt Eröffnung erneut

 

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So soll nach Vor­stel­lung des öster­rei­chi­schen Betrei­bers das Out­let-Cen­ter aus­se­hen. Screen­shot: Desi­gner Out­let Algar­ve

Am Wochen­en­de wur­de zudem bekannt, dass der öster­rei­chi­sche Betrei­ber des neben dem IKEA-Ein­rich­tungs­haus vor­ge­se­he­nen „Desi­gner Out­let Algar­ve“ den Start auf den „Herbst 2017“ ver­scho­ben hat. Ein kon­kre­ter Eröff­nungs-Ter­min wird nach wie vor nicht genannt. Bis vor kur­zem hat­te es auf der Web­site  zunächst noch all­ge­mein gehei­ßen, die Eröff­nung wer­de im „Spät­som­mer“ die­ses Jah­res statt­fin­den. Zuvor hat­te die Anga­be „Som­mer“ gelau­tet.

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Neu­er­dings steht dort jetzt "Autumn". Screen­shot: Desi­gner Out­let Algar­ve

Beob­ach­ter hat­ten bei der Besich­ti­gung des Gesamt­kom­ple­xes in der Nähe des Flug­ha­fens Faro fest­ge­stellt, dass die vor­be­rei­ten­den Bau­ar­bei­ten für das Desi­gner Out­let noch nicht beson­ders weit fort­ge­schrit­ten sind. Nach meh­re­ren E‑Mail-Anfra­gen unse­rer Redak­ti­on zum Stand des Pro­jekts kün­dig­te das Manage­ment-Team der ROS Retail Out­let Shop­ping GmbH am Mon­tag, 27. März, an, sich im Som­mer äußern zu wol­len. Infor­ma­tio­nen wur­den kon­kret für Juli/August in Aus­sicht gestellt.

 

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Erich Gib­son. Foto: E&V

Unter­des­sen stößt das Auf­tre­ten der welt­weit größ­ten Ein­rich­tungs­haus-Ket­te IKEA bei Mit­be­wer­bern, vor allem im regio­na­len Möbel­han­del der Algar­ve, auf ein geteil­tes Echo. Erich Gib­son, deut­scher Inha­ber eines Fach­ge­schäfts für luxu­riö­se Desi­gner-Möbel in Alman­cil, betrach­tet den Markt­ein­tritt von IKEA gelas­sen, denn die skan­di­na­vi­sche Mar­ke sei „ein­fach kei­ne Kon­kur­renz“ für die Anbie­ter hoch­wer­ti­ger Pro­duk­te. Aller­dings rech­net er für das so genann­te Bil­lig-Seg­ment mit deut­li­chen Kon­se­quen­zen: „Alle klei­nen Läden, die sich aus­schließ­lich dem Bil­lig­sek­tor ver­schrie­ben haben, dürf­ten in der nächs­ten Zeit schlie­ßen“.

 

IKEA-Konsequenz: „Tante-Emma-Möbelläden an der Algarve dem Tod geweiht“

 

Die Pro­ble­me gin­gen aller­dings dar­über hin­aus und beträ­fen die Han­dels­struk­tur als sol­che: „Es wer­den nicht nur vie­le klei­ne Möbel­ge­schäf­te ster­ben, son­dern der Ein­zel­han­del gene­rell wird geschwächt, weil im Land alle immer zum neu­en Anbie­ter strö­men und die klei­nen Tan­te-Emma-Läden im End­ef­fekt dann dem Tod geweiht sind“. Gib­son spielt damit dar­auf an, dass mit dem neu­en IKEA-Ein­rich­tungs­haus in Lou­lé auch ein gro­ßes Ein­kaufs­zen­trum ver­bun­den sein wird sowie das Desi­gner Out­let Cen­ter. Bran­chen­be­ob­ach­ter schau­en zum Bei­spiel mit erhöh­ter Auf­merk­sam­keit dar­auf, wie das ganz nah in Faro lie­gen­de "Forum Algar­ve" mit der neu­en Kon­kur­renz­la­ge zurecht­kom­men wird.

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Illus­tra­ti­on, wie es im Shop­ping­cen­ter neben der neu­en IKEA-Filia­le aus­se­hen könn­te. Screen­shot: ROS-Web­site

Jor­ge Fer­nan­des, Geschäfts­füh­rer von „Mour­in­ha Decor“, einem Spe­zi­al­ge­schäft im Zen­trum von Por­timão, rech­net mit star­ken Aus­wir­kun­gen: „Anfangs wer­den sich alle Leu­te das neue IKEA-Ein­rich­tungs­haus anschau­en und die meis­ten wer­den dort auch etwas kau­fen. Eini­ge klei­ne­re Möbel- und Deko­ra­ti­ons­ge­schäf­te hier wer­den ihren Betrieb auf­ge­ben müs­sen. Die grö­ße­ren dürf­ten zwar zunächst eini­ge Ein­bu­ßen erle­ben, aber wer guten Ser­vice bie­tet, wird erle­ben, dass sei­ne Kun­den zurück­keh­ren“.

Möbel­händ­ler Fer­nan­des, zu des­sen Kun­den auch vie­le Algar­ve-Hotels gehö­ren, rech­net damit, dass sich die tou­ris­ti­schen Unter­neh­men beim Ein­kauf wei­ter so ver­hal­ten, wie es die acht Mona­te dau­ern­de Sai­son an der Algar­ve erfor­dert. „Viel­leicht wer­den sie in den ers­ten zwei, drei Jah­ren bei IKEA kau­fen, aber danach wer­den sie wie­der Qua­li­tät erste­hen wol­len, anstatt sich nur an Prei­sen und net­tem Aus­se­hen zu ori­en­tie­ren“, sagt Fer­nan­des dem Algar­ve-Ent­de­cker.

 

Bleibt knapp ein Drittel der Kunden weg?

 

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Jor­ge Fer­nan­des. Foto: Mour­in­ha Decor

Der Möbel­ex­per­te aus Por­timão stellt sich auf rund einen Kun­den­ver­lust von rund 30 Pro­zent ein – vor allem bei den Käu­fern, die dau­er­haft an der Algar­ve leben. Schwie­ri­ger fällt es ihm, die Fol­gen fürs Preis­ni­veau ein­zu­schät­zen. Er setzt auf einen Aus­ver­kauf bil­li­ger Möbel und will dann noch stär­ker auf hoch qua­li­ta­ti­ve Stü­cke set­zen, die sich nicht mit IKEA-Selbst­auf­bau­mö­beln ver­glei­chen lie­ßen.

Fer­nan­des: „Unse­re Stra­te­gie im Wett­be­werb mit IKEA in Lou­lé ist, zu blei­ben wie wir sind, aber künf­tig noch bes­se­ren Ser­vice zu bie­ten, damit die Zufrie­den­heit unse­rer Kun­den noch zunimmt. Wir wer­den die Qua­li­tät unse­rer Pro­duk­te her­aus­stel­len und mehr auf Möbel set­zen, die hier in Por­tu­gal pro­du­ziert wer­den.“ Por­tu­gie­si­sche Käu­fer ach­te­ten sehr auf Prei­se, räumt er ein. Wer sich aber nicht um das Zusam­men­bau­en sei­ner Möbel­stü­cke küm­mern wol­le und einen Auf­preis dafür zah­len müs­se, wer­de sich nach eini­ger Zeit sehr über­le­gen, ob er IKEA treu blei­be. „Des­halb gibt es kei­nen Grund für uns, in Panik zu ver­fal­len. War­ten wir ein Jahr ab und sehen, wo IKEA dann steht“, gibt sich der Möbel­händ­ler gelas­sen.

 

IKEA bei Dekorationsartikeln „unschlagbar“

 

Moveis Mourinho

Auch sei­ne Kol­le­gin Tere­sa Mour­in­ho von „Moveis Mour­in­ho“, mit 85 Jah­ren Prä­senz das tra­di­ti­ons­reichs­te Ein­rich­tungs­haus der Algar­ve, rech­net damit, dass es nur in den ers­ten Mona­ten einen IKEA-Effekt zu beob­ach­ten geben wer­de: „Die Neu­gier der Por­tu­gie­sen ist zwar groß, aber wenn sie ähn­li­che Möbel kos­ten­frei nach Hau­se gelie­fert und auf­ge­stellt bekom­men, wer­den sie zu gro­ßen Tei­len zu den Händ­lern in ihrer unmit­tel­ba­ren Umge­bung zurück­keh­ren.“

Gleich­zei­tig räumt Mour­in­ho ein, dass IKEA im Seg­ment der Deko­ra­ti­ons­ar­ti­kel prak­tisch „unschlag­bar“ sei. Das Aus­maß eines mög­li­chen Ver­lusts an Kun­den mag sie nicht quan­ti­fi­zie­ren. „Wir sind auf den inner­por­tu­gie­si­schen Markt aus­ge­rich­tet, die Kun­den hier ken­nen uns und wir brau­chen nicht zu wer­ben. Wer zu uns kommt, tut das, weil er unse­ren beson­de­ren Ser­vice schätzt, zum Bei­spiel den unse­rer eige­nen Pols­ter­werk­statt“, sagt die Exper­tin.

Jose dos Santos Mourinho
Grün­der Jose dos San­tos Mour­in­ho

Eine preis­li­che Reak­ti­on auf das Ein­rich­tungs­haus IKEA schließt sie aus: „Denn wir hören, dass wir zwi­schen Sevil­la und Sag­res bei glei­cher Qua­li­tät an Möbeln der­zeit schon die bes­ten Markt­prei­se bie­ten“, sagt Mour­in­ho selbst­be­wusst. Dies gel­te sogar für Son­der­ver­kaufs-Aktio­nen.

Ihre Kund­schaft wol­le mitt­le­re und gro­ße Möbel­stü­cke nicht ger­ne selbst nach Hau­se trans­por­tie­ren und dort zusam­men­bau­en. Etwas anders sei das viel­leicht bei Klein­mö­beln, räumt die Fach­frau ein und sagt: „In rund sechs Mona­ten wer­den wir schon mehr sagen kön­nen“.

 

Auch „Dänisches Bettenlager“ expandiert an Algarve

 

Bereits im ver­gan­gen Jahr hat­te ein wei­te­rer skan­di­na­vi­scher Kon­zern, die Jysk-Grup­pe (in Deutsch­land unter „Däni­sches Bet­ten­la­ger“ bekannt), eine ers­te Filia­le an der Algar­ve eröff­net. Im Shop­ping Cen­ter Tavi­ra Gran Pla­za an der Ost-Algar­ve sind auf einer Ver­kaufs­flä­che von 700 Qua­drat­me­tern zehn Mit­ar­bei­ter tätig. Auch online wird seit letz­tem Jahr ver­kauft.

Dem Fach­ma­ga­zin Möbel­kul­tur sag­te Geschäfts­lei­ter Ole Niel­sen, die Algar­ve sei „die per­fek­te Aus­gangs­ba­sis für die wei­te­re Expan­si­on in Por­tu­gal“. Dank guter Erfah­run­gen, die Jysk in Spa­ni­en gemacht habe, wer­de auch in Por­tu­gal das Fili­al­netz aus­ge­wei­tet. Die gesche­he zunächst in den Feri­en­re­gio­nen.

Das ver­gan­ge­ne Geschäfts­jahr, das am 31. August ende­te, konn­te das vom schles­wig-hol­stei­ni­schen Ort Han­de­witt gema­nag­te Däni­sche Bet­ten­la­ger auf einen um sechs Mil­lio­nen auf fast 1,3 Mil­li­ar­den Euro gestei­ger­ten Umsatz in Deutsch­land, Öster­reich, der Schweiz, Ita­li­en, Frank­reich, Spa­ni­en und Por­tu­gal zurück­bli­cken. Ins­ge­samt hat der Kon­zern 1.180 Fach­markt-Filia­len und City-Stores in Deutsch­land und Öster­reich sowie in der Schweiz, Ita­li­en, Frank­reich, Spa­ni­en und Por­tu­gal.

Hans-Joachim Allgaier

Deutscher Journalist mit Know-how in Public Relations/Marketing/Corporate Communications - Portugal-/Algarve-/Alentejo-Liebhaber

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