40. Jahrestag der Nelkenrevolution in Portugal

Mach mit: Tei­le die­sen Bei­trag mit Freun­den!

Por­tu­gal hat eine lan­ge und beweg­te Geschich­te und die Nel­ken­re­vo­lu­ti­on ist Teil von ihr. Aber obwohl das por­tu­gie­si­sche Staats­we­sen einen frü­hen Ursprung hat und Por­tu­gal seit dem 15. und 16. Jahr­hun­dert zu den Welt­rei­chen zähl­te, konn­ten die Bür­ger Por­tu­gals das Land erst vor 40 Jah­ren zu einer Demo­kra­tie machen. "Algar­ve für Ent­de­cker" wid­met die Woche nach Ostern 2014 dem 25. April des Jah­res 1974, dem Tag der Nel­ken­re­vo­lu­ti­on. Das 40. Jubi­lä­um die­ses für Por­tu­gal so wich­ti­gen Tages soll für uns Anlass sein, Ihnen Ein­drü­cke aus der Zeit unmit­tel­bar vor, wäh­rend und nach der Nel­ken­re­vo­lu­ti­on zu geben und gedank­li­che Lini­en zwi­schen die­sen Tagen im April 1974 und heu­te zu zie­hen. Die Algar­ve und die Ent­wick­lung der Algar­ve in den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren soll dabei beson­de­re Auf­merk­sam­keit genie­ßen.

Der 25. April: der Tag der Nelkenrevolution

Es ist uns ein ganz beson­de­res Ver­gnü­gen, Ihnen als Auf­takt ein Buch ans Herz zu legen, dass die Autorin zum 25. April geschrie­ben hat. Wir wer­den Ihnen "111 Grün­de, Por­tu­gal zu lie­ben" von Anne­gret Heinold in Aus­zü­gen vor­stel­len und kurz beschrei­ben.

Ohne zu viel vor­weg neh­men zu wol­len: "111 Grün­de, Por­tu­gal zu lie­ben" ist eine wun­der­ba­re Lek­tü­re für Men­schen, die das viel beschwo­re­ne "mehr" über Por­tu­gal erfah­ren möch­ten, ohne einen klas­si­schen Rei­se­füh­rer zu lesen. Anne­gret Heinold gelingt es in die­sem Buch, amü­san­te Blick­win­kel auf Leu­te und Land zu fin­den, ohne es dabei an der ange­mes­se­nen Ernst­haf­tig­keit man­geln zu las­sen. Ihre Epi­so­den sind char­mant und wit­zig, inter­es­sant und berüh­rend – kurz sehr lesens­wert. "111 Grün­de, Por­tu­gal zu lie­ben" ist exzel­len­ter Lese­stoff für Rei­se­pla­ner und Rei­sen­de, unab­hän­gig davon, ob und wie por­tu­gal­er­fah­ren die Lese­rin oder der Leser sein mag.

Wir wün­schen Ihnen fro­he Ostern und viel Ver­gnü­gen bei ers­ten Appe­tit­hap­pen und Ein­drü­cken!

 

Das Buch: 111 Gründe, Portugal zu lieben

111 Gründe Portugal zu lieben: Auch die Nelkenrevolution findet Erwähnung.

111 GRÜNDE, PORTUGAL ZU LIEBEN
Eine Lie­bes­er­klä­rung an das schöns­te Land der Welt
von Anne­gret Heinold
280 Sei­ten | Taschen­buch
ISBN 978–3-86265–356-0 | Waren­grup­pe 1–312
Ori­gi­nal­aus­ga­be | 9,95 EUR (D)
Schwarz­kopf & Schwarz­kopf Ver­lag, Ber­lin 2014
schwarzkopf-verlag.info

 

Ein Auszug

 

KAPITEL 1

Bem-vin­do a Por­tu­gal -
Will­kom­men in Por­tu­gal

 

1. Grund

Weil man in Por­tu­gal am glei­chen Tag am Strand lie­gen und Ski fah­ren kann

Wer es dar­auf anlegt, kann in Por­tu­gal mor­gens am Strand lie­gen und nach­mit­tags Ski fah­ren. Oder umge­kehrt.
In Por­tu­gal am Strand lie­gen? Auf jeden Fall, dafür ist Por­tu­gal bekannt, beson­ders die Algar­ve im Süden. Aber Schnee in Por­tu­gal? Und sogar Ski fah­ren? Das ist schwer vor­stell­bar und trotz­dem wahr. Por­tu­gal ist natür­lich kein klas­si­sches Win­ter­sport­land, aber es gibt in der Ser­ra da Est­re­la immer­hin neun Ski-Pis­ten. Dort schneit es spä­tes­tens ab Novem­ber und dann bleibt der Schnee bis März lie­gen, oft sogar bis in den April. Von der Algar­ve bis in die Ser­ra da Est­re­la fährt man fünf Stun­den mit dem Auto. Und aus Orten wie zum Bei­spiel Figuei­ra da Foz oder Pra­ia de Mira an der West­küs­te ist man in zwei Stun­den dort. Hier ist es im Win­ter eis­kalt, und der Schnee liegt meter­hoch, wäh­rend es an der Algar­ve 20 Grad oder mehr sind.
Por­tu­gal ist über­haupt ein Land vol­ler Gegen­sät­ze. Es liegt am Atlan­tik und allein das por­tu­gie­si­sche Fest­land hat über 940 Kilo­me­ter Küs­te. Aber es gibt auch ein­drucks­vol­le Gebir­ge, von denen das höchs­te auf dem por­tu­gie­si­schen Fest­land eben­je­ne Ser­ra da Est­re­la mit einem Gip­fel von 2.000 Metern ist. (Eigent­lich sind es nur 1.993 Meter, der Rest wur­de mit einem Turm auf­ge­stockt. Aber davon spä­ter in Grund Nr. 90 mehr.)
In jahr­tau­sen­de­al­ten Städ­ten wie Bra­ga, Coim­bra und Évora, um nur eini­ge zu nen­nen, fin­det man enge Gas­sen mit Kopf­stein­pflas­ter und jahr­hun­der­te­al­te Gebäu­de. Aber jede Stadt hat auch ein moder­nes Ein­kaufs­zen­trum, ja, es ist fast ein Wett­be­werb, wel­che Stadt das größ­te und bes­te hat. Das Cen­tro Colom­bo in Lis­sa­bon hat die meis­ten Läden. Das Forum Coim­bra in Coim­bra einen fan­tas­ti­schen Blick über den Fluss Mon­de­go und die Alt­stadt mit der Uni­ver­si­tät. Und der Palácio do Gelo in Viseu hat eine Schlitt­schuh­bahn, eine Glet­scher-Bar und gro­ße Ter­ras­sen mit Pan­ora­ma­blick über die Ser­ra da Est­re­la.
Es gibt fast ver­las­se­ne Dör­fer, in denen nur noch Alte woh­nen, weil die Jun­gen längst in die Städ­te oder ins Aus­land gezo­gen sind, da sie dort bes­se­re Job- und Lebens­be­din­gun­gen fin­den. Der Gegen­satz dazu sind die Groß­städ­te Lis­sa­bon und Por­to, in denen das Leben rund um die Uhr pul­siert und wo die letz­ten Spät­heim­keh­rer auf die ers­ten Markt­be­su­cher tref­fen.
Im Super­markt kön­nen Ein­käu­fe heut­zu­ta­ge an einer Kas­se ohne Ver­käu­fer gescannt wer­den. Über­wei­sun­gen und Zah­lun­gen wer­den am Geld­au­to­ma­ten getä­tigt. Rech­nun­gen und Lie­fer­schei­ne wer­den direkt auf dem Web­por­tal des Finanz­am­tes aus­ge­stellt. Ande­rer­seits ver­tei­len afri­ka­ni­sche Astro­lo­gen Wer­be­zet­tel, auf denen sie nicht nur wei­ße, son­dern auch schwar­ze Magie anprei­sen. Alte Frau­en kurie­ren mit Hil­fe von Gebe­ten und Ritua­len Ver­stau­chun­gen, Seh­nen­zer­run­gen und befrei­en vom bösen Blick. Und der katho­li­sche Pfar­rer in Vilar de Per­di­zes, einem klei­nen Ort in Nord­por­tu­gal, orga­ni­siert ein­mal im Jahr einen Markt für Hexe­rei, Magie und tra­di­tio­nel­le Heil­kun­de.
Wenn ich aus mei­nem Fens­ter sehe, bli­cke ich über die Quin­ta da Comen­da. Das Anwe­sen in São Pedro do Sul exis­tiert seit rund 900 Jah­ren. Im 12. Jahr­hun­dert war es im Besitz von Dona Tere­sa, der Mut­ter des ers­ten por­tu­gie­si­schen Königs, Dom Afon­so Hen­ri­ques. Danach war es eini­ge Jahr­hun­der­te im Besitz des Mal­te­ser­or­dens. Heu­te ist es ein Wein­gut, in dem bio­lo­gi­sche Wei­ne her­ge­stellt wer­den, und außer­dem ein Agro-Turis­mo, ein Gäs­te­haus auf dem Land (mehr über die­se Gäs­te­häu­ser in Grund Nr. 13). Die Quin­ta da Comen­da hat viel erlebt, sie ist mit der Zeit gegan­gen und hat doch ihre Eigen­heit bewahrt.
Genau wie Por­tu­gal. Ein Land, das eine lan­ge Geschich­te hat, in dem Tra­di­ti­on und Moder­ne neben­ein­an­der exis­tie­ren und des­sen Land­schaft so viel­fäl­tig ist, dass man am glei­chen Tag am Strand lie­gen und Ski fah­ren kann.

 

2. Grund

Weil die por­tu­gie­si­sche Essens­zeit hei­lig ist und der Cafe­z­in­ho ein­fach dazu­ge­hört

Das ist der Rhyth­mus des Lebens in Por­tu­gal: O Almo­ço, das Mit­tag­essen, ist von eins bis drei. O Jan­t­ar, das Abend­essen, von sie­ben bis neun Uhr. Im Som­mer ger­ne auch mal spä­ter. Aber nie frü­her. Früh­stück gibt es auch. Es ist aber nicht so wich­tig und besteht bei vie­len Por­tu­gie­sen immer noch aus Espres­so und Kuchen, im Ste­hen am Tre­sen auf dem Weg zur Arbeit.
Für Men­schen aus ande­ren Län­dern ist es schwer zu ver­ste­hen, wie­so die Restau­rants in der Zwi­schen­zeit nichts ser­vie­ren. Was ist zum Bei­spiel, wenn ein Tou­rist Hun­ger hat? Tja, wem das so geht, der muss sich eben mit Snacks behel­fen, die aller­dings ganz köst­lich sind (mehr dazu in Grund Nr. 71). Wenn der hung­ri­ge Tou­rist in einer grö­ße­ren Stadt ist, kann er natür­lich auch in das nächs­te Ein­kaufs­zen­trum gehen und dort etwas essen. In den Fress­mei­len der Shop­ping­cen­ter sind die Ess­stän­de durch­ge­hend geöff­net. Aber natür­lich wenig fre­quen­tiert. Denn Por­tu­gie­sen essen zu ihren Essens­zei­ten, und die neh­men sie ernst. Undenk­bar, zu die­sen Zei­ten jeman­den zu besu­chen oder auch nur anzu­ru­fen.
Des­we­gen begin­nen die Musik- oder Thea­ter­ver­an­stal­tun­gen in Por­tu­gal auch erst abends um halb zehn. So hat man Zeit, vor dem abend­li­chen Aus­gang in aller Ruhe zu essen.
Ein Abend­essen ist natür­lich nicht nur ein­fach ein Abend­essen. Als Ers­tes gibt es Vor­spei­sen bestehend aus Brot, Oli­ven und Käse. Gefolgt von einer Sup­pe wie Can­ja (Hüh­ner­sup­pe), Cal­do Ver­de (Kohl­sup­pe aus Stan­gen­kohl) oder Gemü­se­sup­pe. Das Haupt­ge­richt ist ent­we­der Fisch oder Fleisch. Nach der Regel: Wenn es mit­tags Fisch gibt, ist das Abend­essen mit Fleisch. Und umge­kehrt. Für Vege­ta­ri­er ist es nach wie vor nicht ein­fach, in Por­tu­gal zu essen. Dann folgt die Nach­spei­se. Im Restau­rant gibt es dafür eine lan­ge Lis­te plus Eis­kar­te. Zu Hau­se beim Essen mit Freun­den oder Fami­lie ist es meist Pud­ding, Kuchen oder auch ein­fach ein Stück Obst.
Ja, Essen wird in Por­tu­gal ernst genom­men. Freun­de ver­ab­re­den sich zum Essen im Restau­rant, mit viel Dis­kus­sio­nen und unend­li­chen Han­dy­ge­sprä­chen. Die Fami­lie trifft sich am Sonn­tag zum Mit­tag­essen, und von Enkel bis Oma sind alle dabei (sie­he auch Grund Nr. 51). Bei der Pla­nung eines gemein­sa­men Wochen­en­des in einem Feri­en­haus am Meer oder im Alen­te­jo betrifft 99 Pro­zent der Pla­nung das Essen. Wer bringt was mit? Wer kauft was ein? Bringt jemand Kaf­fee mit, oder gehen wir hin­ter­her alle in das Café um die Ecke?
Ein Café, der Espres­so, ist der unver­zicht­ba­re Abschluss eines guten Essens. Eine Nach­spei­se kann sein, muss aber nicht. Der Cafe­z­in­ho muss sein. Nach dem Essen im Restau­rant fragt der Kell­ner nicht, ob jemand Kaf­fee möch­te, son­dern wie vie­le Cafés er brin­gen soll. Die­je­ni­gen, die kei­nen neh­men, mur­meln meist eine Erklä­rung wie zum Bei­spiel: Ich kann abends kei­nen Kaf­fee mehr ver­tra­gen. Und nach einem Abend­essen zu Hau­se geht man oft für den Café noch mal auf die Stra­ße.
So rich­tig wur­de mir die­ser Unter­schied zwi­schen Por­tu­gal und Deutsch­land bewusst, als ich eine Rund­fahrt durch Meck­len­burg-Vor­pom­mern mach­te. Nach einem lan­gen Tag im Auto woll­te ich mich ein biss­chen bewe­gen. Ich ging daher in Gold­berg spa­zie­ren. Kein Mensch war außer mir unter­wegs. Die Stra­ßen­la­ter­nen in den Neben­stra­ßen waren aus­ge­schal­tet. Nur der blaue Schein der Fern­se­her leuch­te­te aus den Fens­tern. Und das war nicht mit­ten in der Nacht, son­dern um neun Uhr abends. (Aller­dings im Febru­ar. Aber trotz­dem.)
Drei Tage spä­ter stieg ich abends um neun in Grân­do­la aus dem Bus. Grân­do­la im Alen­te­jo ist eine ruhi­ge Klein­stadt, in der nie viel los ist. Doch an die­sem Abend wirk­te selbst Grân­do­la leben­dig, gemes­sen an Gold­berg. Die gan­ze Stadt war beleuch­tet. Men­schen lie­fen durch die Stra­ßen. Und das Café Cen­tral war vol­ler Leute,die dort ihren Cafe­z­in­ho tran­ken. Man­che auch einen Café com cheirin­ho – einen Espres­so mit einem Schuss Baga­ço (Schnaps) oder Bran­dy. Oder einen Café und einen Schnaps.
Ein gutes Essen mit viel Zeit, ser­viert zur rich­ti­gen Zeit, und hin­ter­her als Abschluss einen Cafe­z­in­ho. Das ist der Rhyth­mus des por­tu­gie­si­schen Lebens.

 

3. Grund

Weil man sich immer und über­all mit Küss­chen begrüßt

Sonn­tag­nach­mit­tag in der Stadt bei Son­nen­schein. Alle sind unter­wegs. Fami­li­en, Freun­de, Paa­re und Omas mit Enkel­kin­dern. Sie stö­bern auf dem Kunst­hand­werks­markt am CCB, dem Cen­tro Cul­tu­ral de Belém, in Lis­sa­bon, fla­nie­ren in Coim­bra durch die Grün­an­la­gen am Mon­de­go, und lau­fen über die Strand­pro­me­na­de in Mato­s­in­hos, Por­to.
Klar, dass man da Bekann­te trifft.
Und jetzt geht es los. Die Begrü­ßung mit Küss­chen.
Küss­chen links und rechts.
Danach ein paar Wor­te. Nichts Welt­be­we­gen­des, ein "Hal­lo, wie gehts", manch­mal noch ein kur­zer Info-Aus­tausch, und ein abschlie­ßen­des "Lass uns tele­fo­nie­ren".
Küss­chen links und rechts.
Und wei­ter geht's.
Soll­te jemand dabei sein, der die ande­ren nicht kennt, wird er oder sie vor­ge­stellt.
Vor­stel­len, Küss­chen-Küss­chen.
Kur­zes Reden.
Ver­ab­schie­den, Küss­chen-Küss­chen.
Und wei­ter geht es über den Markt, durch die Grün­an­la­gen oder über die Strand­pro­me­na­de.
Stimmt übri­gens doch nicht, dass man sich immer und über­all mit Küss­chen begrüßt. Es gibt Aus­nah­men. Besu­che bei Arzt, Bank, Steu­er­be­ra­ter, Finanz­amt und Ähn­li­chem sind ohne Küss­chen. (Es sei denn, der Arzt, Bank­be­am­te, Steu­er­be­ra­ter, Finanz­be­am­te oder Ähn­li­ches ist ein sehr guter Bekann­ter.) Also Behör­den, Ban­ken und Poli­zei sind aus­ge­nom­men. Läden auch, es sei denn, man kennt die Ver­käu­fe­rin.
Die Kir­che aller­dings ist nicht aus­ge­nom­men. Zuge­ge­ben, ich war nur ein­mal in der Kir­che, aber da war ich schwer beein­druckt. Kein stun­den­lan­ges Sit­zen, son­dern fast so etwas wie gemein­schaft­li­che Gym­nas­tik. Auf­ste­hen und wie­der hin­set­zen. Auf­ste­hen und hin­kni­en. Auf­ste­hen und den Bank­nach­barn küs­sen. Hin­set­zen. Auf­ste­hen und die Leu­te vor und hin­ter sich küs­sen.
Ich kom­me aus einem Deutsch­land, in dem man sich noch mit Hand­schlag begrüß­te. Das hat sich mitt­ler­wei­le geän­dert. Aber trotz­dem sind Besu­cher aus Deutsch­land immer noch ver­un­si­chert, weil sie die Kuss­re­geln in Por­tu­gal nicht ken­nen. Hier sind sie also:
Es sind zwei Küs­se. Nicht nach fran­zö­si­scher Sit­te drei, son­dern nur zwei. Jede Wan­ge ein Kuss.
Erst links, dann rechts, dabei den Kopf kurz vor und zur Sei­te beu­gen.
Nicht wirk­lich Schmat­zer auf­drü­cken, son­dern nur flüch­tig berüh­ren.
Vie­le fra­gen: Wer küsst zuerst? Mann oder Frau? Alt oder Jung? Die Ant­wort lau­tet: kei­ne Regel. Es pas­siert ein­fach, so wie es bei einem guten Kuss sein muss. Spon­tan von bei­den Part­nern.
Und soll­te man sich bei so einem sonn­täg­li­chen Spa­zier­gang immer wie­der tref­fen, dann reicht die Küss­chen-Küss­chen-Begrü­ßung beim ers­ten Mal. Sonst wür­de es ja irgend­wie albern. Bei mehr­ma­li­gem Auf­ein­an­der­tref­fen reicht Grü­ßen und Hal­lo.

 

4. Grund

Weil die Nel­ken­re­vo­lu­ti­on den Namen einer Blu­me trägt

Als mei­ne Freun­din Elsa aus Lis­sa­bon am 24. April sehr spät in der Nacht nach Hau­se kam und das Radio anstell­te, wur­den die Ver­se des Lie­des Grân­do­la, Vila More­na vor­ge­le­sen. Sie fand das merk­wür­dig, denn das Lied war ver­bo­ten. Die­se Sen­dung war übri­gens nicht die "his­to­ri­sche" Sen­dung, die nachts um 20 nach zwölf im Radio Ren­as­cença lief, son­dern eine Nach­rich­ten­sen­dung mor­gens um zwei im Radio Clube Por­tu­guês. Elsa ist sich nicht sicher, ob es wirk­lich der Radio Clube Por­tu­guês war, aber den Tag und die Uhr­zeit weiß sie noch ganz genau. Das war schließ­lich der Tag, der Por­tu­gal ver­än­der­te.
Mei­ne Freun­din Cata­ri­na hör­te das ver­bo­te­ne Lied Grân­do­la, Vila More­na mor­gens am 25. April im Radio. Sie war zu die­sem Zeit­punkt Leh­re­rin in einer klei­nen Stadt in Nord­por­tu­gal und mit ihrem ers­ten Kind schwan­ger. Auch Cata­ri­na weiß noch genau, wann und unter wel­chen Umstän­den sie damals das Lied gehört hat.
Und so wird sich wohl jeder Por­tu­gie­se, der älter als 45 oder 50 ist, an das Ereig­nis erin­nern und kann sei­ne ganz per­sön­li­che Geschich­te dazu erzäh­len. Denn der 25. April 1974 war der Tag, der die fast 50-jäh­ri­ge Dik­ta­tur in Por­tu­gal end­lich been­de­te, der Tag der por­tu­gie­si­schen Nel­ken­re­vo­lu­ti­on.
Aber zunächst brach erst mal Cha­os aus. Tau­sen­de von Lis­sa­bon­nern ver­sam­mel­ten sich in der Stadt, um den Befrei­ern zuzu­ju­beln. Tau­sen­de war­te­ten gespannt dar­auf, was sich ent­wi­ckel­te. Und irgend­wann tauch­ten rote Nel­ken auf, die die Sol­da­ten in ihre Gewehr­läu­fe steck­ten.
Cata­ri­nas Mut­ter, die in einer Pen­si­on direkt an dem Platz Lar­go do Car­mo wohn­te, dach­te, der Krieg wäre aus­ge­bro­chen und sie wür­de ihre Kin­der nie wie­der­se­hen.

Elsa tank­te ihren Citro­ën 2CV voll, was eine klu­ge Ent­schei­dung war, denn kurz dar­auf gab es kein Ben­zin mehr. Dann lief sie mit Freun­den durch Lis­sa­bon, und zum Schluss waren auch Elsa und ihre Freun­de am Lar­go do Car­mo, wo sich die Men­schen dräng­ten.
Hier hat­te sich Mar­ce­lo Cae­ta­no, der Nach­fol­ger des Dik­ta­tors Sala­zar, in der Kaser­ne der GNR, der Poli­zei, ver­schanzt. Vier Demons­tran­ten wur­den von der Geheim­po­li­zei erschos­sen, 45 wur­den ver­letzt. Aber abge­se­hen davon ver­lief die Nel­ken­re­vo­lu­ti­on unblu­tig. Gegen Abend gab Cae­ta­no auf, und die Regie­rung wur­de von Gene­ral Spí­no­la über­nom­men.
Wie­so da plötz­lich roten Nel­ken waren, ist nicht ganz klar. Nach einer ver­brei­te­ten Legen­de steck­te eine Blu­men­ver­käu­fe­rin auf dem Weg zum Markt den Sol­da­ten rote Nel­ken in die Gewehr­läu­fe. Laut deut­scher Wiki­pe­dia tauch­te die rote Nel­ke auf, weil sie ein Sym­bol der sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung war. Woher auch immer die­se roten Nel­ken kamen – sie waren da. Und so bekam die Revo­lu­ti­on den Namen "Nel­ken­re­vo­lu­ti­on", mit der roten Nel­ke als Sym­bol.
Die Revo­lu­ti­on, die roten Nel­ken und das Lied Grân­do­la, Vila More­na des Sän­gers José Afon­so sind untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den (mehr zu dem Lied in Grund Nr. 91). José Afon­so, der schwer krank war, starb am 23. Febru­ar 1987. Zu sei­ner Beer­di­gung in Set­úbal kamen 30.000 Men­schen. Alle hat­ten rote Nel­ken dabei. Und da die Blu­men an die­sem Tag in Set­úbal und Lis­sa­bon schon bald aus­ver­kauft waren, waren spä­ter auch rote Rosen dabei. Der Sarg wur­de durch die gan­ze Stadt getra­gen, eine Musik­grup­pe spiel­te Grân­do­la, Vila More­na und alle san­gen mit.
Nie vor­her und nie nach­her habe ich so vie­le rote Nel­ken gese­hen wie an die­sem Tag. Rote Nel­ken in den Hän­den der Trau­ern­den, rote Nel­ken auf der Stra­ße, rote Nel­ken auf dem Grab. Die rote Nel­ke, das Sym­bol der por­tu­gie­si­schen Nel­ken­re­vo­lu­ti­on, als Ehrung für José Afon­so, des­sen Lied eine so ent­schei­den­de Rol­le gespielt hat.

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